Jedes Jahr am 21. Februar flammen entlang der nordfriesischen Küste die Biikefeuer auf – uralte Zeichen aus Feuer und Flammen, tief verwurzelt in der Geschichte der Region. Auch auf Amrum, der lieblichen Insel zwischen Föhr und Sylt, wird dieser Brauch mit besonderer Hingabe gefeiert. Das Biikebrennen gehört zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO – und das aus gutem Grund.
Seine Ursprünge reichen weit zurück in heidnische Zeiten. Einst entzündete man die Frühlingsfeuer, um den Winter zu vertreiben und die Fruchtbarkeit des neuen Jahres zu erbitten – ein rituelles Opfer, möglicherweise zu Ehren des Gottes Wotan. Später wandelte sich das Ritual: Die Feuer dienten als Abschiedszeichen für die Walfänger, die am Petritag, dem 22. Februar, in See stachen. In der Dunkelheit des nordischen Winters wurden die Biiken zu Fackeln der Hoffnung, des Schutzes, des Mutes.
Im Lauf der Jahrhunderte verloren sie ihre magisch-religiöse Funktion, doch die symbolische Kraft blieb: Die Biiken leuchten gegen die Kälte, gegen das Dunkel, gegen die Vereinzelung. Sie sind sichtbares Zeichen von Zusammenhalt und Jahreswende – damals wie heute.
Wenn die Insel brennt – Biikebrennen auf Amrum heute
Am 21. Februar, wenn der Winter noch mit kalter Faust über der Nordsee liegt, lodern auf Amrum fünf gewaltige Feuer. In jedem Dorf ein eigenes Biak, wie die Nordfriesen sagen – fünf Feuersäulen aus Holz und Heidekraut, sorgfältig aufgeschichtet, monatelang vorbereitet, um in einer einzigen Nacht zu verglühen. Was nach rustikaler Folklore klingt, ist in Wahrheit ein tief empfundenes Ritual. Eine Inselsinfonie aus Flammen, Rauch und Gemeinschaftsgeist.
Bereits am frühen Abend beginnen die Umzüge. Männer, Frauen, Kinder ziehen mit Fackeln durch die Dunkelheit. Das leise Knacken der Schritte im Frost, das flackernde Licht auf den Gesichtern – es ist, als folge die Insel einem uralten, unausgesprochenen Skript. In Norddorf versammelt man sich auf der Hüttmannwiese, in Steenodde stapft man hinter dem „Likedeeler“ am Watt entlang. Nebel, Süddorf, Wittdün – jedes Dorf hat seinen eigenen Brennplatz, seine eigene Choreografie, doch überall beginnt das Spektakel zur selben Stunde: Punkt 18 Uhr.
Dann die Ansprache, meist gehalten von einem Bürgermeister oder Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr – oder in Norddorf von Kai Quedens. Ein paar Worte zur Geschichte, ein Dank an die Helfer, ein Augenzwinkern in Richtung Wettergott – und dann, als ob die Insel einmal tief durchatmet, bricht das Feuer los. Funken stieben in die Nacht wie fliehende Vögel, und binnen Minuten steht der Haufen in lodernder Glut. Die Wärme schlägt einem ins Gesicht wie eine ferne Erinnerung an den Sommer.
Die Luft ist erfüllt von Rauch und Harz, von Stimmen und Gelächter. Es riecht nach verbrannter Kälte, nach Bratwurst und Glühwein. An den Buden schenken die Feuerwehrleute heißen Punsch aus, in den Händen der Gäste dampfen Becher, in den Herzen glimmt das Gefühl, Teil von etwas Echtem zu sein. Kein Event, kein Spektakel – sondern ein Fest, das aus der Landschaft zu wachsen scheint, so selbstverständlich wie der Kniepsand im Westen oder das Leuchten der Sterne über dem Watt.
Früher wurde der Haufen von Hand zusammengetragen, mit Forke und Schubkarre, Ast für Ast. Heute helfen Traktoren, moderne Geräte und genehmigte Sammelstellen. Und doch: Der Charakter ist geblieben. Man kennt sich, man hilft sich, man wärmt sich – nicht nur an den Flammen, sondern an der Nähe, der Vertrautheit, dem unausgesprochenen Wir.
Gegen Mitternacht sinkt das Feuer in sich zusammen, rot glimmend wie ein schlafender Drache. Wer noch Kraft hat, zieht weiter in die umliegenden Gaststätten. Dort wird Grünkohl serviert, mit Kassler, Schweinebacke und süßen Kartoffeln – ein Mahl, das wärmt wie eine zweite Decke. Und wer Glück hat, darf erleben, wie draußen die Glut noch tagelang nachleuchtet – als ob der Winter nicht gehen wollte, aber wusste, dass er bald muss.
Mehr als nur ein Feuer – Gemeinschaft, Tradition und ein Hauch von Frühling
Das Biikebrennen ist kein Spektakel für die Galerie. Es ist ein Inselmoment. Ein Innehalten im Jahreskreis, irgendwo zwischen rauer See und erstem Vogelruf. Es versammelt, was sich über den Winter verstreut hat: Nachbarn, Rückkehrer, Gäste. Und wie alle echten Bräuche verbindet es das Gegenwärtige mit dem Abgelegenen – das Jetzt mit dem Damals.
Auf Amrum bedeutet Biike Gemeinschaft. Nicht nur, weil man gemeinsam den Haufen aufschichtet oder gemeinsam in den dunklen Abend hinauszieht. Sondern weil jeder Teil der Inszenierung ist. Die Kinder mit rußverschmierten Gesichtern, die alten Männer mit Taschenlampen und Geschichten, die Wirtin mit dampfendem Grünkohl, der Urlauber mit leuchtenden Augen, der vielleicht zum ersten Mal begreift, was nordfriesischer Stolz bedeutet.
Für die einen ist es der Beginn der Saison – die touristische Ouvertüre, noch leise, aber verheißungsvoll. Für die anderen ist es Erinnerung: an Abschiede, an Rückkehrer, an Winter, die länger waren, und an Zeiten, in denen das Feuer mehr bedeutete als ein schönes Bild fürs Smartphone. Für alle aber ist es eine Art Vergewisserung – dass man Teil ist von etwas, das Bestand hat.
Und während am Horizont die Flammen verlöschen und die Sterne wieder die Regie übernehmen, bleibt ein Nachhall. Der Geruch von Rauch im Mantel. Der Geschmack von Punsch auf der Zunge. Ein warmes Gefühl in der Brust, das nicht vom Feuer allein stammt.
So ist das Biikebrennen auf Amrum: kein Fest, das man konsumiert, sondern eines, das man mitträgt. Eine leuchtende Linie durch Jahrhunderte hindurch. Ein stilles Versprechen, dass der Frühling kommen wird – auch wenn er sich noch ziert.
Typische Orte und Zeiten der Biikefeuer auf Amrum
| Dorf | TreffPUNKT | Startzeit | Besonderheit |
|---|---|---|---|
| Norddorf | Hüttmannwiese, dann Wirtschaftsweg | 18.00 | Fackelzug, Ansprache, Event |
| Nebel | Am Watt hinter der Kläranlage | 18.00 | |
| Süddorf | Hinter der Schule | 18.00 | |
| Wittdün | Am Watt vor dem Seezeichenhafen | 18.00 | |
| Steenodde | Am Watt hinter dem „Likedeeler“ | 18.00 | Selbstversorgung |
