Strandburgen und Strandhütten auf Amrum

Bisweilen stößt der nichtsahnende Strandgänger am Kniepsand auf burgähnliche Bauwerke, die Strandburgen genannt werden. Was hat es mit diesen Unterständen auf sich? Wer ist der Erbauer? Ist das Kunst oder kann das weg?

In Fortführung der langen amrumer Tradition sammelt der Künstler und Wahl-Amrumer Otfried Schwarz Strandgut, um damit wilde und urtümlich anmutende Behausungen zu errichten. Dem wiederkehrenden Betrachter erschließen sich verschiedene Aspekte dieser Hütten, die zunächst auf der Insel nicht unumstritten waren.

Kunst aus Treibgut – die Strandburgen von Amrum

Otti's Strandburg am Strand von Nebel auf Amrum
Otti’s Strandburg am Strand von Nebel auf Amrum

Einerseits stellen diese augenfällig heraus, welche Unmengen an Unrat in unseren Meeren unterwegs sind. Das ist einerseits Holz, aber auch Plastiktüten und Flaschen, Fischernetze und Taue, achtlos fortgeworfene Bekleidungsstücke. Naturgemäß kann nur das sichtbare Strandgut seiner neuen Verwendung als Baumaterial zugeführt werden – wie viel mehr kleinteiliger Müll mag in granularer Dimension im Meer treiben?
Andererseits sind die Hütten den teils extremen Wetterbedingungen am offenen Strand ausgesetzt. Die Bauten verändern sich daher so stetig wie der Kniepsand selbst. Mag sein, dass mal eine Plane im Sturm entschwindet, mag sein dass ein Balken unter der Last des Sandes bricht. Doch für steten Nanchschub ist gesorgt. Nicht nur Panscho, wie der Künstler sich selbst nennt, baut an den exponierten Kunstwerken, auch die Besucher der Hütten fühlen sich faktisch verpflichtet, deren Unterhalt durch Addition des einen oder anderen Fundstücks beizutragen. So entsteht ein Gemeinschaftswerk im steten Wandel von Jahreszeiten und äußeren Einflüssen und bildet gleichsam eine Allegorie der Insel Amrum selbst.
Natürlich ist die tatsächliche Interpretation jedem Betrachter völlig freigestellt. Für die jüngsten Besucher mögen die Konstruktionen auf dem Kniepsand auch ein kurzweiliger Abenteuerspielplatz im Stile eines Piratenlagers sein.

Der Eindruck der bleibt zumindest ist ein Nachhaltiger, und so haben die Strandhütten des Panscho schon das Interesse des einen oder anderen Reiseführers und sogar von Journalisten geweckt. Hier Bilder der Netzhütte aus dem Jahr 2012:

Am Anfang war Otti’s Strandburg – Unterschlupf und Partyhaus

Die künstlerische Keimzelle dieser Behausungen trug den Namen Otti’s Strandburg und liegt in den Dünen nahe des zentral gelegenen Inselortes Nebel. Der Künstler hat hier eine begehbare Installation geschaffen, die primär dem Künstler selbst als Unterschlupf direkt am Wasser diente, ähnlich einem 100 m² großen, begehbaren Strandkorb. Sommers wurden hier Partys mit Künstlerfreunden und Einheimischen gefeiert, oder abenteuerlustige Touristen verbrachten eine Nacht in ganz besonderer Athmosphäre. Die erste Ausführung dieser Burg hat es bis in das Museum Hamburg-Altona geschafft, wo sie noch heute ausgestellt wird.

Die Behörden reagierten skeptisch auf die Strandburgen

Panscho Burg Amrum - Otti's Strandhütte
Otti’s Strandburg von Panscho auf Amrum am Strand bei Nebel

Auf der beschaulichen Insel Amrum sorgte das Entstehen der wilden Hütten anfangs nicht für uneingeschränkt positiven Zuspruch. Der pflichtbewusste Amtsträger muss natürlich einige Fragen klären, bevor er sich eine offizielle Meinung bilden kann. Brauchen diese Bauwerke eine Baugenehmigung? Müssen die Bauwerke abgerissen werden, da sie einen unzulässigen Eingriff in den Naturpark Wattenmeer darstellen? Oder werden gar Vagabunden angezogen, die dauerhaft in den Behausungen campieren?
Enteprechend vorsichtig agieren die Erbauer rund um Otfried Schwarz, wenn es um die Dauernutzung der Installationen geht.
Die mannigfaltigen Befürchtungen der Behörden haben sich indes nicht erfüllt, so dass die Bauwerke sich als fester Bestandteil der Inselkultur etablieren konnten. Dabei werden die Burgen offiziell geduldet, da sie bereits als touristische Attraktion gelten. Gleichsam dürfen sie lediglich aus Treibgut errichtet werden – es darf also kein zusätzliches Baumaterial zum Kniepsand gebracht werden – und die Behausungen dürfen nicht als Schlafplatz dienen. Dabei sind einige der Strandburgen von Innen durchaus gemütlich eingerichtet, wie die folgenden Bilder zeigen:

Immer mehr Strandburgen entstanden

Und es haben sich Nachahmer gefunden – oder wie es im Künstlersprech heißt: Andere Künstler wurden inspiriert. Helga Hauser-Feierabendt, deren Nachname dem einen oder anderen Herkunftsforscher schlaflose Nächte bereitet haben dürfte, hat mit Onkel Tin’s Hütte in direkter Nachbarschaft zu Otti’s Strandburg ein ebenfalls bemerkenswertes Bauwerk geschaffen. Dieses war leider nicht von Dauer, so dass mittlerweile die Netzhütte erbaut wurde, deren Name von einem großen Fischernetz herrührt, das als nicht eben isolierendes Außenmaterial genutzt wird. Und es geht noch weiter: Denn mittlerweile ist nahe Wittdün eine regelrechte Siedlung aus kleinen Hütten entstanden, die von einer eingeschworenen Gemeinde von betagten Saisonurlaubern in jährlichem Rythmus neu errichtet bzw. wieder ausgegraben werden. Denn die Baumeister haben ein Verfahren entwickelt, ihre Behausungen im Herbst systemathisch mit schützendem Kniep-Sand zu konservieren. So bleiben auch die Krabbenhütte und die Piratenkajüte halbwegs intakt, die durch feine, mosaikartige Verzierungen und ambitionierte Inneneinrichtung aus dem Gros der schlicht gehaltenen Unterstände herausstechen. Auch Notizbücher oder gar Gästebücher sind in der einen oder anderen Strandhütte ausgelegt:

Weniger Strandgut durch mehr Container

Derweil ist die Tradition gefährdet, die Zahl der Strandhütten hat sich in den vergangenen Jahren bereits spürbar verringert: Durch den internationalen Siegeszug der Containerschifffahrt nimmt das Strandgut-Volumen stetig ab – denn so leicht geht nichts mehr über Board. Dieses war ab den 60er Jahren in rauen Mengen vorhanden – nach der Havarie der Pallas im Jahre 1998 wurden gar Unmengen Holz an die Strände gespült. Durch die Umstellung der Insel-Heizungen auf Öl in den frühen 1970er Jahren fanden die Insulaner plötzlich keine Verwendung mehr für das vormals begehrte hölzerne Gold, dass dereinst vielen Inselbewohnern durch die kalte Jahreszeit half.

Und so werden die Strandburgen bald wohl nur noch in der Erinnerung und im Museum existieren.

Inselheld

Inselheld

Inselfan und Autor des Insel-Leben.de Projektes. Jede freie Minute wird der schönsten Nebensache der Welt gewidmet - der Erkundung der schönsten Inseln und dem Schreiben darüber.

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